Wenn Anpacken zur Herzensangelegenheit wird

Das „Heide-Team“ im Porträt

Manchmal braucht es einfach ein paar Menschen, die nicht lange überlegen, sondern machen. Genau so ist es in Wiednitz und im Ortsteil Heide entstanden, wo das sogenannte „Heide-Team“ seit 2019 das lokale Leben aufmischt. Was einst als spontane Aufräumaktion einer verwahrlosten Erinnerungsstätte begann, hat sich längst zu einer festen Größe für den Zusammenhalt im Ort entwickelt.

Ob Müllsammelspaziergänge, Dorfkino-Nächte, Verkehrsschulungen oder oder Naturschutznachmittage – die lose Initiative aus engagierten Freiwilligen zeigt, dass man dem Strukturwandel und dem oft beklagten Stillstand im ländlichen Raum etwas entgegensetzen kann. Ohne großen Vereinshintergrund, dafür mit umso mehr Herzblut, bringen sie Alt und Jung, Alteingesessene und Neuzugezogene an einen Tisch. Für diesen herausragenden Einsatz für Demokratie und Miteinander ist das Team nun sogar für den Sächsischen Bürgerpreis 2026 nominiert worden.

Im Interview sprechen zwei Macher über die Anfänge ihrer Initiative, die unterschätzte Kraft kleiner Taten und darüber, warum das Schaffen von gemeinschaftlichen Räumen die beste Medizin gegen das Jammern ist.

Wie ist das „Heide-Team“ entstanden und was war der konkrete Auslöser für euch, gemeinsam anzupacken?

Wir beide waren in der Vergangenheit viele Jahre weg aus Wiednitz, haben auch teilweise länger im Ausland gelebt. Nach der Rückkehr in den Heimatort sind uns einige Dinge aufgefallen, die uns hier fehlten bzw. interessante Sachen, die wir woanders gesehen hatten, die man vielleicht auch hier bei uns mal ausprobieren könnte. Angefangen hat das Ganze im Jahr 2019. Wir hatten bei einem Spaziergang in Heide festgestellt das die Erinnerungsstätte an die Brikettfabrik in Heide, die „Straße der Besten“ völlig verwahrlost aussah. Das war unser eigentliches Startprojekt. Wir haben Spenden gesammelt und dann gemeinsam mit einigen Freiwilligen angefangen alles auf Vordermann zu bringen. Was uns gewurmt hat: Wenn man zB in das Erzgebirge oder ins Ruhrgebiet blickt, sieht man das man dort mit der Bergbaugeschichte ganz anders umgeht. Dort ist man stolz auf die Bergbauzeit, hier bei uns in der Region wird alles eher als Makel gesehen und gern verdrängt. Nein, es ist Teil der Geschichte des Ortes und sollte auch dementsprechend behandelt werden.

Prägend für euch sind auch die Herausforderungen des Strukturwandels. Was treibt euch persönlich an, diesem Trend etwas entgegenzusetzen?

Durch den Verlust von Arbeitsplätzen seit der Wendezeit sind natürlich viele Menschen weggezogen, viel Neues ist leider nicht entstanden. Es fehlen immer noch gutbezahlte Jobs. Trotzdem lassen sich die Leute hier nicht unterkriegen. Die Einwohner von Wiednitz stellen schon echt viel auf die Beine. Die 800-Jahr-Feier zum Beispiel oder die regelmäßigen Events vom Radsport- oder Fußballverein. Das ist alles nur möglich durch freiwillige Helfer. Mit dem Heide-Team bieten wir dazu noch ein Sammelbecken für die Leute, die sonst nicht in einem Verein aktiv sind aber trotzdem etwas für den Ort tun wollen.

Was macht eure Initiative im Kern aus?

„Einfach machen und gemeinsam etwas schaffen“ – ich denke dieses Motto trifft es ganz gut. Wir machen ja keine mega großen Projekte, meist kleinere Aktionen die oft nur ein paar Stunden dauern. Auch wenn man eine Familie, Haus und Garten hat, kann man das bisschen Zeit trotzdem aufbringen und mitmachen.

Wer gehört alles zum „Heide-Team“?
Mittlerweile sind wir ein loses Team von 10 bis zu 20 Freiwilligen. Nicht jeder hat immer Zeit, manche sind nur ab und zu dabei, aber auch das zählt. Was uns besonders überrascht hatte, war das uns auch viele „zugezogene“ Wiednitzer kräftig unterstützen, obwohl sie keine enge Bindung zur Geschichte des Ortes haben. Das hatten wir so nicht erwartet. So pflegen z. B. Leute die Rabatte am Findling und renovieren mit uns die Erinnerungsstätte, obwohl sie die Brikettfabrik (Abriss 1992-1996) nie gesehen hatten.

Wie gelingt es euch, Alt und Jung sowie Alteingesessene und Neuzugezogene an einen Tisch zu bringen?

Unter dem „Heide Team“ organisieren wir abwechslungsreiche Aktionen, die nicht unbedingt etwas mit Heide zu tun haben. Der jährliche Müllsammelspaziergang im März ist so ein Beispiel. Wir sind meist zwischen 15 und 20 Leute die eine Stunde in Wiednitz und Heide spazieren gehen und im Ort den Müll vom Straßenrand aufsammeln. Kinder, Eltern, Rentner,
alle machen da mit. Das ist toll. Ich würde auch die Verkehrsteilnehmerschulung nennen die wir 2, 3 Mal im Jahr organisieren. Das ist ein Treffpunkt für die Leute im Ort. Oder auch das Dorfkinoprojekt. Das haben wir zusammen mit dem Jugendclub durchgeführt. Es sind verschiedene Themengebiete, so ist für jeden etwas dabei. Durch den Wiednitzer
Whatsapp Kanal haben wir auch die Möglichkeit die Einwohner zu informieren.

Vom Nistkastenbau über Müllsammeln bis hin zum Dorfkino und historischen Rundgängen – auf welches eurer bisherigen Projekte seid ihr besonders stolz?

Vor einigen Jahren hatten wir ein Forschungsmobil vom Helmholtz Institut aus Leipzig in Heide am Ruhlander Schwarzwasser. Wir haben dort das Gewässer analysiert, u.a. welche Lebewesen dort drin sind, wie die Wasserqualität ist und wie der allgemeine Zustand des Gewässers ist. Das war eine tolle Erfahrung. Es gibt dazu auch ein Video des Senders
Lausitzwelle TV auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=0mrm3RKHiNk

Wie reagieren die Einwohnerinnen und Einwohner im Dorf auf eure Aktionen?

Das ist unterschiedlich. Einige halten uns sicher für Spinner aber es wird von vielen positiv aufgenommen. Wir finden das unsere Aktionen das Dorfleben bereichern. Beim ersten Kinoabend z. B. kamen unglaublich viele Leute. Das war toll. Mittlerweile unterstützen wir uns auch gegenseitig bei Veranstaltungen und Aktionen z. B. mit dem Wiednitzer Jugendclub,
dem Kindergarten, den Senioren und dem Ortschaftsrat.

Ihr seid für den „Sächsischen Bürgerpreis 2026“ in der Kategorie „Demokratie – Miteinander stärken – Land gestalten“ nominiert worden. Wie habt ihr reagiert, als der Brief der Sächsischen Staatskanzlei im Briefkasten lag?

Die Nominierung erfolgte durch die Stadt Bernsdorf. Wir haben uns sehr darüber gefreut. Wir wussten vorher nichts davon. Am 8. Oktober findet die offizielle Preisverleihung in der Frauenkirche in Dresden statt. Der Hauptpreis würde uns ein ganzes Stück nach vorm bringen. Die Chance das wir gewinnen ist vermutlich sehr gering aber allein die Einladung ist
doch schon mal was.

Warum ist das Stärken der Gemeinschaft eurer Meinung nach auch ein wichtiger Baustein für eine lebendige Demokratie vor Ort?
Es ist einfach, sodass Leute regelmäßig miteinander reden müssen, um sich eine Meinung zu bilden. Wenn es nichts mehr gibt, wo man sich treffen kann ist das schwierig. Nur jammern das alles schlecht ist, hilft ja auch nicht weiter. Man fängt irgendwann an alles schlecht zu reden und das wollen wir nicht. Beispiel: ja, wir hatten mal ein Kino in Heide, ja das wurde
abgerissen, aber hey lass uns doch einen Kinoabend veranstalten. Oder die Verkehrsteilnehmerschulung. Die fand früher immer in der Gaststätte Jägerhof statt. Dann wurde die Gaststätte geschlossen. Wir haben einfach angefragt, ob die Verkehrswacht die Veranstaltung bei uns auf dem Sportplatz durchführen kann. So gibt es wieder eine Möglichkeit für die Leute sich zu treffen. Wenn man etwas haben will, muss man es halt machen.

Bisher seid ihr eine Initiative/ein Team. Gibt es Pläne, euch offiziell als eingetragener Verein zu gründen?

Ja wir schauen nach Möglichkeiten uns besser aufzustellen. Aktuell sind wir ja einfach nur Privatpersonen, da ist es schwierig z. B. Räume anzumieten oder Veranstaltungen anzumelden usw. Bisher regeln wir das über bestehende Vereine. Vielleicht entsteht ja daraus auch mal eine Art Wiednitzer Heimatverein. Das wär klasse.

Welche nächsten Projekte stehen bei euch an und wo soll die Reise für das „Heide-Team“ in Zukunft hingehen?

Unsere Freizeit ist auch begrenzt. Große Sprünge werden wir sicher nicht machen. Geplant ist jedoch die Erinnerungsstätte in Heide weiter zu pflegen und die Heide-Chronik von Karl-Heinz Weigel weiterzuführen. Auch die bewährten Aktionen Müllsammeln, Naturexkursionen, Verkehrsteilnehmerschulung und Dorfkino sollen weiterlaufen. Wer weiß, wenn jemand eine spannende Idee hat, kann man die auf jeden Fall in Angriff nehmen.

Wie kann man euch unterstützen oder bei euch mitmachen?

Man kann uns einfach ansprechen oder zu einer der Aktionen dazukommen. Alles was wir veranstalten wird im Wiednitzer Whatsapp Kanal veröffentlicht.

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