Zeit zum Lesen, Zeit zum Wachsen – Die Lesementoren an der Grundschule Bernsdorf

Paul Fredrick, Viertklässler der Grundschule Bernsdorf, schiebt vorsichtig den Kopf in den kleinen Nebenraum, in dem Frau Vögtle bereits wartet. Auf dem Tisch liegt ein Stapel Rätselseiten aus der Kinderzeitung und viele einzelne Buchstaben, so wie bei Scrabbel. „Na, Paul Fredrick, wie geht es dir heute? Alles gut in der Schule und zu Hause?“, fragt sie freundlich. Er erzählt kurz von seinen letzten Tagen. Die Stunde beginnt – ruhig, vertraut und mit kleinen Erfolgsmomenten.

Seit 2018 gibt es an der Grundschule Bernsdorf das Projekt der Lesementoren.

Ehrenamtliche Damen stellen Woche für Woche drei Stunden ihrer Freizeit zur Verfügung, um Kinder zu unterstützen, die beim Lesen zusätzliche Hilfe brauchen. Aktuell gibt es an der Schule zwei Lesementoren: Frau Vögtle und Frau Handschag.

Frau Vögtle, ehemalige Lehrerin aus dem sonderpädagogischen Bereich, bringt viel Erfahrung im Umgang mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen mit.
Frau Handschag, die viele Jahre in der Stadtverwaltung Bernsdorf gearbeitet hat und seit diesem Sommer im Ruhestand ist, erfüllt sich mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit einen Herzenswunsch: Zeit schenken – und damit Chancen.

Beide Frauen kommen jeden Donnerstag für insgesamt drei Stunden an die Grundschule. Dort betreuen sie derzeit 15 Kinder, die von den Lehrkräften ausgewählt wurden, weil sie beim Lesen besondere Unterstützung benötigen. Manche kommen für 45 Minuten, andere für 20 – je nachdem, was gerade sinnvoll und machbar ist. Doch eines steht fest: Der Bedarf ist wesentlich höher als das aktuelle Angebot. Die Schule sucht dringend weitere Lesementoren, die bereit sind, einmal pro Woche Kindern Zeit, Geduld und Freude am Lesen zu schenken.

Eine Lesestunde bei Paul Fredrick

Zurück bei Paul Fredrick und Frau Vögtle:
Beide lesen abwechselnd Texte aus dem Sprachfreundebuch der 4. Klasse. Paul Fredrick konzentriert sich, holt tief Luft, stolpert über einzelne Wörter – und versucht es erneut. Frau Vögtle lobt behutsam, gibt kurze Hilfen, erklärt schwierige Stellen.

Damit es nicht zu eintönig wird, holt sie danach eine bunte Kinderrätselseite hervor. Er soll gesuchte Wörter im Buchstabenmeer finden – ein Training für das schnelle Erfassen von Wortbildern. „Super gemacht!“, ruft Frau Vögtle, als Paul Fredrick das letzte Wort einkreist.

Dann wird es spielerisch: Ein kleiner Buchstabenhaufen liegt vor ihnen und die Aufgabe lautet, das längste Weihnachtswort zu bilden. Paul Fredrick legt los und findet immer ein weiteres Wort, was noch hintendran passt. Am Ende präsentiert er stolz sein Ergebnis – ein fantasievolles, 44 Buchstaben langes „Weihnachtsmonsterwort“. Und er strahlt, denn solcher Erfolg fühlt sich gut an.

Zum Abschluss liest er noch aus seinem eigenen Buch von zu Hause vor. Man spürt: Das fällt ihm schwerer. Doch genau dafür ist diese Stunde da. Frau Vögtle erklärt später, dass sie eng mit den Klassenlehrern im Austausch steht – über Fortschritte, Schwierigkeiten und neue Ziele. Das Projekt verfügt zudem über einen Methodenkoffer, auf den die Mentorinnen jederzeit zurückgreifen können.

Lesefreude im zweiten Raum

Währenddessen sitzt in einem anderen Raum Frau Handschag mit ihren Lesekindern. Sie liest mit ihnen aus lustigen Kinderbüchern, fragt nach, lässt sich erzählen, worum es geht und was die Kinder verstanden haben. Auch sie setzt kleine Spiele ein, die den Kopf frei machen und die Konzentration stärken.

Frau Vögtle wiederum nutzt gern Klassiker wie Stadt, Land, Fluss oder Wortverlängerungen, um spielerisch die Sprachkompetenz zu fördern.

Warum Lesementoren so wichtig sind

Für manche Kinder bedeutet diese  eine Stunde in der Woche mehr als nur Lesen üben. Sie bedeutet Ruhe, Zuwendung, eine Person, die zuhört und an sie glaubt. Und für die Mentorinnen bedeutet sie, die Freude zu sehen, wie Kinder Vertrauen gewinnen – in sich selbst und in ihre Fähigkeiten.

Die Grundschule Bernsdorf ist dankbar für die Unterstützung von Frau Vögtle und Frau Handschag. Doch 15 Kinder sind erst ein Anfang. Damit noch mehr Kinder diese wertvolle Förderung erhalten können, werden dringend weitere Lesementoren gesucht. Jede zusätzliche helfende Hand erweitert die Chance, einem Kind den Weg zu Büchern – und damit zu Bildung – ein Stück leichter zu machen.

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