Wenn plötzlich alles anders ist
Ein ganz normaler Mittwochabend im Mehrgenerationenhaus Bernsdorf – und doch ging es um eine der wohl herausforderndsten Phasen im Familienleben. Während Eltern nach und nach ihre Plätze einnahmen, lag eine Mischung aus Neugier und leichter Anspannung in der Luft. Denn früher oder später trifft es alle: die Pubertät der eigenen Kinder. Oft gefürchtet, manchmal unterschätzt – und meistens schneller da, als man denkt.
Organisiert wurde der Fachvortrag von Anika Noack, Bildungsmanagerin im Team TRAFO. Als Referentin führte Babett Kauschmann, leitende IntraActPlus-Therapeutin an den Sana Kliniken Niederlausitz in Lauchhammer, durch den Abend. Mit viel Fachwissen, aber auch persönlichen Einblicken aus ihrer eigenen Zeit als Mutter, schaffte sie es, die Pubertät greifbar und verständlich zu machen – und den Blick der Eltern auf ihre Kinder ein Stück weit zu verändern.
Das „Pubertier“ – mehr als nur ein Scherz
Gleich zu Beginn griff Babett Kauschmann einen Begriff auf, den viele Eltern mit einem Augenzwinkern benutzen: das „Pubertier“. Doch hinter dem lustigen Wort steckt mehr, als man zunächst denkt.
Sie zerlegte den Begriff in seine Bestandteile und zeigte, was Jugendliche in dieser Zeit tatsächlich bewegt:
„Puh“ steht für Überforderung, Erschöpfung, Rückzug und das Bedürfnis nach Ruhe.
„Bär“ symbolisiert gleichzeitig Nähe, Kuschelbedürfnis und den Wunsch nach Geborgenheit.
„Tier“ beschreibt die andere Seite: Gereiztheit, hohe Sensibilität sowie das Wechselspiel zwischen Kampf und Rückzug.
Diese scheinbaren Gegensätze machen deutlich, wie widersprüchlich die Gefühlswelt in der Pubertät ist – und warum Jugendliche oft so schwer zu verstehen sind.

Eine Zeit großer Veränderungen
Die Pubertät verläuft nicht plötzlich, sondern in verschiedenen Phasen. Während Mädchen meist schon zwischen acht und zehn Jahren in die späte Kindheit starten, beginnt diese Phase bei Jungen etwas später. Es folgen Vorpubertät und schließlich die eigentliche Pubertät, die sich bei Mädchen etwa bis zum 19. Lebensjahr und bei Jungen sogar bis zum 21. Lebensjahr ziehen kann.
In dieser Zeit verändert sich der Körper nicht nur äußerlich, sondern auch psychisch und sozial. Monat für Monat müssen Jugendliche neue Entwicklungen verarbeiten. Kein Wunder also, dass sie manchmal selbst nicht wissen, „was gerade los ist“.
Fragen wie „Was ziehe ich an?“, „Wie wirke ich auf andere?“ oder „Was denken die anderen über mich?“ begleiten sie täglich – oft schon morgens vor dem Kleiderschrank. Für Eltern mag das banal wirken, für Jugendliche ist es jedoch ein zentraler Teil ihrer Identitätsfindung.
Zwischen Selbstfindung und Abgrenzung
Ein wichtiger Bestandteil dieser Lebensphase ist die Abgrenzung. Jugendliche probieren sich aus, stellen Regeln infrage und entwickeln eigene Meinungen. Sie müssen herausfinden, wer sie sind, was ihnen wichtig ist und wie sie Beziehungen gestalten möchten – sei es in Freundschaften oder ersten Partnerschaften.
Dabei gilt: Was für Eltern manchmal schräg oder unverständlich wirkt, ist oft ein wichtiger Schritt zur Selbstständigkeit. Wenn ein Kind also mit einem fragwürdigen Outfit das Haus verlässt, hilft vielleicht ein Perspektivwechsel. Statt „So kannst du doch nicht rausgehen!“ könnte man auch denken: „Mein Kind traut sich, seinen eigenen Weg zu gehen.“

Kommunikation auf Augenhöhe
Ein zentrales Thema des Vortrags war die Kommunikation. Klassische Fragen wie „Wie war die Schule?“ oder „Hast du deine Hausaufgaben gemacht?“ führen selten zu echten Gesprächen. Stattdessen empfiehlt es sich, offener zu fragen:
Was war heute schön? Was war schwierig? Mit wem hast du gelacht?
Solche Fragen zeigen echtes Interesse und öffnen Türen. Denn für Jugendliche stehen oft nicht schulische Leistungen im Vordergrund, sondern Freundschaften, Zugehörigkeit und persönliche Entwicklung.
Genauso wichtig ist es, nicht vorschnell zu reagieren. Ein Kommentar wie „Du bist schon wieder nur am Handy!“ verfehlt oft sein Ziel. Eltern sehen meist nur einen kleinen Ausschnitt des Tages und wissen nicht, was ihr Kind bereits erlebt hat. Verständnis und Gelassenheit sind hier oft der bessere Weg.
Regeln gemeinsam gestalten
Jugendliche wollen ernst genommen werden – und genau darin liegt ein Schlüssel für den Familienalltag. Statt Regeln einfach vorzugeben, kann es hilfreich sein, diese gemeinsam zu erarbeiten.
Eltern geben dabei einen Rahmen vor, etwa bei Medienkonsum, Umgang miteinander oder festen Zeiten. Innerhalb dieses Rahmens dürfen Jugendliche mitgestalten. So lernen sie, Verantwortung zu übernehmen, zu verhandeln und ihre Meinung zu vertreten – Fähigkeiten, die sie später im Berufsleben dringend brauchen.
Druck hingegen führt selten zum Erfolg. Wer beteiligt wird, entwickelt eher Verständnis und hält sich auch eher an Vereinbarungen.
Gefühle ernst nehmen – auch die eigenen
Konflikte gehören in dieser Zeit dazu. Doch Sätze wie „Dann sage ich halt gar nichts mehr“ verschärfen die Situation oft nur. Besser ist es, Gespräche zu vertagen und später in Ruhe wieder aufzunehmen.
Auch das bewusste Nachfragen kann helfen: Was hat dir geholfen, dich wieder zu beruhigen? So lernen Jugendliche, ihre eigenen Emotionen besser zu verstehen und zu regulieren.
Gleichzeitig gilt: Wenn Eltern ein ungutes Bauchgefühl haben – etwa bei anhaltender Traurigkeit oder starkem Rückzug –, sollten sie nicht zögern,Hilfe in Anspruch zu nehmen. Unterstützung zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung.
Pubertät als Chance begreifen
Am Ende bleibt eine wichtige Erkenntnis: Die Pubertät ist keine Phase, die einfach vorbeigeht und nach der alles wieder „wie früher“ wird. Sie ist ein grundlegender Entwicklungsprozess, in dem sich Kinder zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln.
Wer diese Zeit als Chance begreift, kann nicht nur sein Kind besser begleiten, sondern auch die Beziehung stärken. Offenheit, Vertrauen und ein gewisses Maß an Gelassenheit helfen dabei, diese Jahre gemeinsam zu meistern.
Und vielleicht entsteht dabei sogar etwas Unerwartetes: eine neue Form von Nähe – und für Eltern irgendwann auch wieder ein bisschen mehr Zeit zu zweit.

Unterstützungsangeobte in der Region
Bildungsmanagerin Anika Noack vom Team TRAFO:
Anika.noack@raa-sachsen.de; Tel.: 0174 / 24 63 6 20
Schulsozialarbeiterin der Grundschule Bernsdorf: Caroline Kauschmann:
Caroline.kauschmann@raa-sachsen.de; Tel.: 0162 / 7166361
Schulsozialarbeiterin der Oberschule Bernsdorf: Sophie Bramborg:
sophie.bramborg@raa-sachsen.de; 0179 / 59 08 5 74
Jugendtreffleiter im MGH: Bernhd Strykowskie:
Bernd.Strykowski@raa-sachsen.de; Tel.: 015563 / 98 45 91
Jugendamt Landkreis Bautzen: Bahnhofstraße 9, 02625 Bautzen;
Amtsleiterin, Monique Petzold, 03591 5251-51001
Schulpsychologen Landkreis Bautzen:
schulpsychologie.bautzen@lasub.smk.sachsen.de; Tel: 03591 / 621-351
Familienberatung Hoyerswerda: Beratung für Eltern, Kinder und Jugendliche;
Kontaktformular | St. Martin StattRand, 03571 / 91 34 44
Erziehungs- und Familienberatungsstelle Kamenz: Macherstraße 5, 01917 Kamenz:
Katrin Förster Leiterin; ezbkamenz@awo-bautzen.de; Tel: 03578 30 80 75



