Bernsdorfer Erzieherin Anne Oberländer kann ihr Glück noch immer kaum fassen. Vor ihrer Haustür steht ein grüner VW Caddy – das neue, gebrauchte Familienauto. Noch am Samstagabend stand sie in der Hoyerswerdaer Event-Location „Speicher No.1“ selbst auf der Bühne, gemeinsam mit der Band „Nordstern“ und dem Udo-Lindenberg-Double „Mr. Panik“ bei einem Benefizkonzert für sie und ihren Sohn. Nun richtet sich ihr Blick bereits auf den nächsten Kuraufenthalt mit Ben.


Ben ist der Grund, warum die Bernsdorfer Erzieherin jede Herausforderung auf sich nimmt. Der vierjährige Junge mit dem strahlenden Lächeln lebt mit dem Down-Syndrom. Anne Oberländer hat ihn ganz bewusst als Baby adoptiert.
Noch Anfang November 2025 wusste Anne Oberländer nicht, wie sie eine bevorstehende Kur in Geesthacht bei Hamburg überhaupt erreichen sollte. Ein eigenes Auto konnte sie sich nicht leisten. Mit einem kleinen Kind, viel Gepäck und den besonderen Bedürfnissen ihres Sohnes schien eine Reise mit der Bahn kaum machbar. Zwar konnte sie gelegentlich den Wagen ihrer Mutter nutzen, doch eine dauerhafte Lösung war das nicht.
Schließlich startete sie auf der Plattform „GoFundMe“ eine Spendenaktion. Anfangs blieb die Resonanz überschaubar. Anne hatte zeitweise das Gefühl, dass sich kaum jemand für ihre Situation interessierte. Doch das sollte sich ändern: Immer mehr Menschen, auch viele aus Bernsdorf, wurden auf die Geschichte von ihr und Ben aufmerksam und unterstützten die beiden.
Ein wichtiger Moment war ein Samstagabend in Hoyerswerda. Die Band „Nordstern“, bekannt für ihre Musik im Stil von Santiano, erfuhr von der Situation der Familie. Gemeinsam mit dem Udo-Lindenberg-Double „Mr. Panik“ organisierten sie ein Benefizkonzert im „Speicher No.1“. Angestoßen hatte die Aktion Kerstin Hüber, Mitarbeiterin der Location.

Der Abend wurde zu einem großen Erfolg. Eine Brauerei stellte zwei Fässer Bier zur Verfügung, der Erlös aus den Eintrittskarten ging an Anne und Ben. Zusätzlich gab es eine Verlosung mit vielen besonderen Preisen – darunter eine signierte CD von Kerstin Ott, ein Buch von Sky du Mont und eine von „Nordstern“ unterschriebene Gitarre.
Als „Mr. Panik“ schließlich noch mit seinem Hut durchs Publikum ging, legten viele Besucher zusätzlich Geld hinein. Am Ende kamen mehr als 5000 Euro zusammen – fast so viel wie zuvor in fünf Monaten über die Online-Spendenaktion.

„Diese Unterstützung ist für mich alles andere als selbstverständlich“, sagt Anne Oberländer. „Ich bin unglaublich dankbar.“ Wenn sie von der Hilfe erzählt, steigen ihr immer wieder Tränen in die Augen. Das Schicksal von ihr und ihrem Sohn bewegt viele Menschen – nicht nur in der Lausitz, sondern auch darüber hinaus.
Vier Stiftungen aus ganz Deutschland halfen dabei, den Traum vom eigenen Auto zu verwirklichen: die Hoyerswerdaer Lebenshilfe-Stiftung „Erika Heimann“, die „Andreas-Gärtner-Stiftung“, die „Deutsche Stiftung für Menschen mit Down-Syndrom“ sowie „Bild hilft“. Gemeinsam ermöglichten sie den Kauf eines vier Jahre alten grünen VW Caddy aus dem Autohaus Elitzsch in Kamenz. Zusammen mit Mitarbeiter Falk Zschiedrich wurde zuvor längere Zeit nach einem passenden Fahrzeug gesucht.

Mit den Spenden möchte die Hoyerswerdaerin verantwortungsvoll umgehen. Ein Teil des Geldes fließt in das Auto – etwa für Versicherung, Benzin oder spätere Wartungen und Reparaturen.
Ein Teil der Spenden soll direkt Ben zugutekommen. Für Juli und November plant Anne Aufenthalte im osteopathischen Kinderzentrum „Filumi“. Dort werden schwer erkrankte und beeinträchtigte Kinder individuell gefördert, um ihre Entwicklung und Lebensqualität nachhaltig zu verbessern.
Ein Aufenthalt dort kostet mehrere tausend Euro. Doch Anne weiß aus Erfahrung, wie wertvoll diese Zeit für ihren Sohn ist. „Nach den Aufenthalten hat Ben jedes Mal große Entwicklungsschritte gemacht“, erzählt sie. Zuerst ging es ums Krabbeln, später um das Essen und um Fortschritte in der Motorik. Auch diesmal hofft sie darauf, dass Ben wieder ein Stück weiterkommt.
Unterstützung bekommt der Vierjährige dabei seit vielen Jahren auch in der Region. Die Physiotherapeutin Claudia Röder aus Bernsdorf, die die Praxis „Gesundheitszentrum Im Einklang“ führt, begleitet Ben schon lange auf seinem Weg. Mit viel Geduld und Erfahrung hilft sie ihm, sich motorisch in seinem eigenen Tempo weiterzuentwickeln.
Darüber hinaus hat Claudia Röder ein besonderes Angebot für Familien geschaffen: An jedem ersten Freitag im Monat organisiert sie ein Treffen für Eltern von Kindern mit Behinderung. Dort können sich Eltern austauschen, miteinander ins Gespräch kommen und sich gegenseitig unterstützen.
Ein wichtiger Termin steht für Anne und Ben schon fest im Kalender: Am 15. April fahren sie für vier Wochen zur Reha nach Geesthacht. Im grünen Caddy werden nur die beiden sitzen – doch in Gedanken begleiten sie all die Menschen, die ihnen auf ihrem Weg geholfen haben.




